Stolperstein-Verlegung in der Nürnberger Straße
Am 31. August 2023 wurden für den Musiker und Leiter der Kardosch-Sänger, István Kardos, sowie für seine Ehefrau Olga Váradi Stolpersteine verlegt. Die Gedenksteine erinnern an ihrem ehemaligen Wohnort in der Nürnberger Straße 3 in Berlin an das Leben und das Schicksal des Paares während der nationalsozialistischen Verfolgung.
Was viele nicht wissen: auch für überlebende Opfer der Nazi-Herrschaft können Stolpersteine verlegt werden. Auf der Webseite des Stolperstein-Projekts findet man dazu diese Erläuterung:
„Warum STOLPERSTEINE für überlebende Menschen?
STOLPERSTEINE sind Gedenksteine und keine Grabsteine. Sie sollen uns über die Schicksale der Menschen reflektieren lassen und vor allem Familien, die im Nationalsozialismus einst jäh auseinandergerissen wurden, im Gedenken wieder zusammenführen. Wir wollen zudem nicht darüber urteilen, wer Opfer der Verbrechen war und wer nicht. Das Leid eines Menschen, der sich verstecken, seine Heimat verlassen musste oder ein KZ überlebt hat, möchten wir nicht bemessen.“
Das Leben in der Nürnberger Straße
Ende 1934 lebte das Ehepaar in der Nürnberger Straße 3, wo sich heute das Parkhaus des Europacenters befindet. Die Straße galt in den 1920er und 1930er Jahren als pulsierendes Zentrum des Berliner Nachtlebens und geschätzter Treffpunkt zahlreicher Künstler und Schriftsteller.
Nur wenige Schritte von der Wohnung des Ehepaars Kardos entfernt – an der heutigen Kreuzung Nürnberger und Budapester Straße – lag das berühmte Eden Hotel. Auch bekannte Vergnügungsstätten wie der Femina-Palast und der Tauentzienpalast befanden sich in unmittelbarer Nachbarschaft.
Von der Nürnberger Straße meldete sich das Ehepaar am 1. Oktober 1935 um in die Joachimsthaler Str. 9 (damals Joachimstaler Straße) und zwar nachweislich in eine Pension von Eberswald, die dort um diese Zeit existierte. Die Angelegenheit ist etwas verwirrend, denn in einer Geschäftskorrespondenz Ende 1934 taucht eine „Pension Kranzler“ an derselben Anschrift als Adresse auf, allerdings haben meine Recherchen bisher noch keine Pension dieses Namens um 1935 zu Tage gefördert. Es gab natürlich seit 1932 an eben dieser Stelle ein „Café Kranzler“. Meine Vermutung ist, dass es sich bei der „Pension Kranzler“ schlicht um die „Pension von Eberswald“ handelte, die im Berliner Branchenbuch von 1935 an dieser Adresse zu finden ist, und dass die Kardoschs zeitweise dort eine Geschäftsadresse hatten.
Die Joachimstaler Straße 9, um 1934. Das Café Kranzler wurde an dieser Stelle 1932 eröffnet, die jüdische Firma Jacobowitz existierte bis 1936, was den Entstehungszeitraum des Fotos genau auf den Zeitraum eingrenzt, in dem die Kardosch-Sänger in Berlin Erfolge feierten und hier eine Geschäftsadresse hatten.
Bei ihrem Umzug in die Pension bereitete das Ehepaar Kardos bereits seine Flucht aus Berlin vor. Sperrige Wertgegenstände, darunter István Kardos’ Klavier, lagerten sie bei arischen „Freunden“ ein, die diese später auf eigene Rechnung verkauften. Sich am Eigentum Geflohener zu bereichern, war offenbar eine Art arischer Volkssport.
Stolpersteine werden möglichst am letzten freiwillig gewählten Wohnort verlegt, daher in diesem Fall in der Nürnberger Straße und nicht in der Joachimsthaler Straße, die nur eine Übergangslösung vor der Flucht aus Berlin war.
Informationen zu den Stolpersteinen:
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