Der Erste Tenor – das Multitalent
Das Erstaunliche an Zeno Costes Geschichte ist, dass er gleich zweien der bekanntesten und beliebtesten Vokalgruppen der 1930er Jahre angehörte: Nach der Auflösung der Kardosch-Sängern war sein folgendes Engagement beim Meistersextett zwar kurz, aber immerhin war er bei der wohl bekanntesten Aufnahme des Ensembles dabei. Seine Stimme ist zudem in einem der berühmtesten Zarah-Leander-Filme, "La Habanera", zu hören, und mit seiner ersten Formation, den „Parkers“, interpretierte er die populärsten Schlager seiner Zeit an der Seite aller namhaften Orchester der frühen Dreißigerjahre.
Die Biografie des vielseitigen Künstlers hält noch weitere Überraschungen bereit: Drei Jahre lang hielt Zeno Coste einen nationalen Leichtathletik-Rekord, verpasste um ein Haar die Teilnahme für Rumänien bei den Olympischen Spielen 1928, wirkte im ersten rumänischen Tonfilm mit und absolvierte ganz nebenbei ein anspruchsvolles Ingenieursstudium.
Zeno Coste wurde am 30. Mai 1907 im kleinen Dorf Ciacova im Banat geboren, das damals zu Österreich-Ungarn gehörte. Er entstammte einer angesehenen Familie. Sein Vater, Iuliu Coste (1876–1967), war Rechtsanwalt und Lokalpolitiker aus dem kleinen Ort Nădlac im Kreis Arad. Nach seinem Studium in Oradea und Budapest eröffnete er 1903 eine Anwaltskanzlei in Arad, zog jedoch bald darauf nach Ciacova im Kreis Timiș. Dort bekam er mit seiner Frau Zoe (1885–1980) vier Kinder: den 1907 geborenen Zeno als ältesten Sohn, seinen drei Jahre jüngeren Bruder Brutus sowie die beiden Töchter Zoe und Hortensia. 1916 wurde Iuliu Coste für ein Jahr zum Militärdienst im 61. Infanterieregiment Temesvár eingezogen.
Von 1917 bis 1919 besuchte Zeno das Katholische Universitätsgymnasium im Budapester II. Bezirk (heute Budapesti Egyetemi Katolicus Gimnázium).
Seine Tochter Ileana berichtet von eher schlechten Erinnerungen an seine Schulzeit dort. Als Rumäne wurde er von den ungarischen Schülern "gemobbt", wie man heute sagen würde. 1919 kehrte er aufgrund der politischen Umstände nachhause zurück.
Kurzer politischer Exkurs
Das Banat nach dem 1. Weltkrieg
Vor dem Ersten Weltkrieg gehörte das Banat zum Königreich Ungarn und damit zur Österreichisch-Ungarischen Doppelmonarchie. Nach dem Zerfall der k.u.k. Monarchie erhoben Ungarn, Kroaten, Serben und Rumänen Anspruch auf die Region. Um das multiethnische Banat vor einer Teilung zu bewahren, wurde am 1. November 1918 in Temesvár die Banater Republik ausgerufen. Sie bestand jedoch nur bis zum Einmarsch serbischer Truppen am 15. November 1918.
Das Banat wird rumänisch
Am 1. Dezember 1918 sollte Iuliu Coste als Mitglied der rumänischen Delegation von Ciacova nach Alba Iulia reisen. Dort kamen Vertreter der im zerfallenden Königreich Ungarn lebenden Rumänen zu einer Nationalversammlung zusammen. Die Delegation wurde jedoch am Bahnhof von Temesvár vom serbischen Militär aufgehalten und an der Weiterreise gehindert. Am 3. August 1919 marschierten rumänische Truppen in Temesvár ein; im Juni 1920 wurde die Stadt schließlich Rumänien zugesprochen.
Damit waren die Costes nun Bürger des neuen „Großrumäniens“. 1921 zog die Familie nach Temesvár, dem heutigen Timișoara, wo Iuliu Coste bis 1947 als Rechtsanwalt praktizierte.
In den 1920er-Jahren amtierte er zweimal als Präfekt des Bezirks Timiș-Torontal: zunächst vom 4. Februar 1922 bis zum 4. Juli 1925, ein zweites Mal vom 27. Juni 1927 bis zum 15. November 1928. Darüber hinaus war er Mitglied des Anwaltsrats von Timiș, Gründer der Ciacovana-Bank sowie einer der Hauptaktionäre der Kandia-Fabrik in Timișoara. Die 1890 gegründete Fabrik war die älteste Schokoladenfabrik auf dem Gebiet des heutigen Rumäniens.
Ihr Gebäude wurde erst 2015 abgerissen. Die Marke „Kandia“ besteht jedoch bis heute und zählt zu den beliebtesten Schokoladenmarken Rumäniens.
Einige Ansichten von Temesvar/Timisoara aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts:
Zeno besuchte nun das Lyzeum Constantin Diaconovici Loga in Timișoara, das erste rumänische Gymnasium im Banat, und ging nach dem Abitur nach Berlin, um an der Technischen Universität in Charlottenburg ein Ingenieursstudium aufzunehmen. Beide Coste-Brüder waren als Leichtathleten aktiv: Zeno in verschiedenen Wurf-Disziplinen, aber auch im Hochsprung, 110 m Hürdenlauf und Sprint. Von 1927 bis 1930 hielt er den rumänischen Rekord im „Beidhändigen Gewichtwerfen“, eine Disziplin die nach den 1920er Jahren aus der Mode kam. Auch in Berlin nahm er erfolgreich an den Hochschulmeisterschaften teil: dreimal hintereinander gewann er die Meisterschaften im Kugelstoßen. 1929 war er mit der rumänischen Mannschaft an den ersten, noch inoffiziellen Balkanspielen in Athen beteiligt.
1928 sollte er eigentlich bei den Olympischen Spielen in Amsterdam antreten. Die Stadt Timișoara und der Kreis Timiș übernahmen die Kosten für Zeno Coste und einen weiteren Athleten, doch der rumänische Verband schickte stattdessen einen anderen Sportler. Zeno reiste auf eigene Kosten nach Amsterdam, erhielt jedoch nicht einmal eine Eintrittskarte für die Wettkämpfe – ein Umstand, den sein kämpferischer Bruder Brutus in einem leidenschaftlichen Zeitungsartikel anprangerte, neben vielen weiteren Missständen in der rumänischen Delegation. Im Jahr darauf durften die Leichtathleten aus Timiș wegen finanzieller Probleme nicht zu den nationalen Meisterschaften fahren, was Brutus erneut dazu brachte, für seinen großen Bruder öffentlich einzutreten. Nach weiteren kritischen Kommentaren zu den Balkanspielen 1929 wurde Brutus vom Verband für zwei Monate gesperrt – die rebellische Ader des jüngeren Coste-Sohnes zeigte sich schon früh.
Zeno begann sich unterdessen mehr auf seine künstlerische Laufbahn zu konzentrieren. Er spielte einen Vatieté-Sänger im ersten rumänischen Tonfilm „Ciuleandra“, und nahm Unterricht bei dem Gesangslehrer Struck von Plenzdorff in Berlin und dem berühmten Bariton Giuseppe Borgatti in Mailand.
Leider existiert von "Ciuleandra", soweit bekannt, nur ein fünfzehnminütiges Fragment ohne Ton, in dem der Auftritt von Zeno Coste nicht zu sehen ist.
Vater Iuliu Coste, der ehemalige Präfekt, war von den sängerischen und schauspielerischen Ambitionen seines Sohnes ebenso wenig begeistert wie die Eltern Paul von Nyiris in Budapest, aber da Zeno zunächst Ingenieurwesen studierte und Gesang und Schauspielerei nur nebenberuflich betrieb, blieb ihm, anders als Nyiri, dem der strenge Vater den Geldhahn zugedreht hatte, das Fegen von Bahnhöfen erspart! 1931 schloß Zeno sein Studium erfolgreich ab.
REALITATEA ILUSTRATĂ, 11. Juni 1931. „Der junge Mann, der das Lied ‚Păpușica‘ in Ciuleandra gesungen hat, ist Zeno Coste.“
Mitte Dezember 1930 nahm Zeno für das Label Columbia in Berlin 14 Stücke in rumänischer Sprache auf, darunter Hits wie „Liebling, mein Herz lässt dich grüßen“ oder Paul Abrahams „Good Night“ – zu dem sein ebenfalls vielseitig begabter Bruder die rumänische Übersetzung beisteuerte:
Allerdings taucht in der Werbung für Zenos Platten sein Name nicht auf, stattdessen wird als Textdichter ein gewisser „B. Călin“ genannt. Brutus hatte wie seine Briefe aus dieser Zeit zeigen, damals schon ehrgeizige und konkrete politische Pläne, und Schlagertext-Schreiber war wohl keine Beschäftigung, die er im Hinblick auf seine angesteuerte politische Zukunft adäquat fand.
Den rumänischen Text zu „Frag nicht warum“ („Nu mă întreba“) steuerte Zeno selbst bei. Man kann davon ausgehen, dass beide Brüder von Haus aus drei-sprachig waren: rumänisch, ungarisch und deutsch. Außerdem beherrschte Zeno Italienisch und Französisch.
Weitere Details zu den Columbia-Platten finden Sie in der Diskografie von Zeno Coste. Anhören können Sie sie hier auf dem YouTube-Kanal der Kardosch-Sänger: Zeno Coste singt auf Rumänisch. Zeno Coste cântă în română. Berlin, 1930.
Die Zeitungen zuhause in Timișoara nehmen regen Anteil an seiner beginnenden Sängerkarriere – als Sohn des ehemaligen Präfekten und ehemals erfolgreicher Athlet ist er natürlich von großem Interesse für die Medien, und es wird zuhause in drei Sprachen über seine Plattenaufnahmen berichtet. Alle folgenden Artikel aus dem Nachlass von Zeno Coste.
Offensichtlich besaß Zeno aber noch ein weiteres künstlerisches Talent: Dr. Nicholas Dima, ein späterer Weggefährte seines Bruders, erzählt:
„As of Zeno, the only thing I remember is that Brutus once told us that his brother used to draw different sketches and one of them was of himself (Brutus) which was somehow funny and he kept it for a while. My own conclusion is that his brother Zeno was a little older than him and had early artistic inclinations.“
(„Was Zeno betrifft: das einzige, woran ich mich erinnere ist, dass Brutus uns einmal erzählte, dass sein Bruder verschiedene Zeichnungen anfertigte, und eine davon war von ihm – Brutus – und ziemlich komisch, und dass er sie eine Zeitlang aufbewahrte. Meine Schlussfolgerung ist, dass sein Bruder Zeno etwas älter war und schon früh künstlerische Neigungen besaß.“)
1931/32 gehörte Zeno Coste der Gesangsgruppe „Die Parker“ an, die auf einer ganzen Reihe von Platten als Refrainsänger mit bekannten Orchestern zu hören sind, zum Beispiel mit Bernhard Etté, George Nettelmann, Ilja Livschakoff oder Billy Bartholomew. Besondere Erwähnung verdient ihre Aufnahme des Couplets „Morgen geht’s uns gut“ mit dem Orchester George Nettelmann und Kurt Mühlhardt als Solosänger aus dem gleichnamigen Singspiel. Ebenso hörenswert ihr „Sag mir mal Schnucki auf Spanisch“ mit Lizzi Waldmüller, unter der Leitung von Jean Gilbert, aus dem Film „Die spanische Fliege“, in dem sie auch zu sehen sind. Über die sängerischen Qualitäten der anderen Mitglieder außer Zeno Coste lässt sich streiten – oder vielleicht auch nicht! – aber ihre Aufnahmen machen Laune und sie wurden 1931/32 gern und oft als Refrainsänger engagiert. Leider ist über die anderen Mitglieder der Gruppe nichts bekannt. Mit ihnen wirkte Zeno an zwei Filmen mit großen Stars der Weimarer Republik mit: „Melodie der Liebe“ mit Richard Tauber, und der schon erwähnte „Die spanische Fliege“ mit Lizzi Waldmüller. Der Auftritt der Gruppe in „Melodie der Liebe“ ist leider bisher verschollen – in dem existierenden Filmfragment tritt eine Gesangsgruppe auf, bei der es sich aber um die „Elitesänger vom Kottbusser Tor“ handelt. In „Die Spanische Fliege“ gibt es jedoch einen sehenswerten Auftritt der Parker mit Lizzi Waldmüller:
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