„Letztlich war die Musik seine Leidenschaft, doch die sanften Flügel der Literatur begleiteten ihn sein ganzes Leben lang.“

István Raics über István Kardos, 1976


In Deutschland ist István Kardos vor allem als Gründer und Leiter der Kardosch-Sänger bekannt. Diese Biografie erzählt die Geschichte eines Lebens, das – wie das so vieler Menschen seiner Generation – von Verfolgung und Verlust geprägt war.

Ein zentraler Aspekt ist dabei die Bedeutung der Musik als Ausdruck von Gemeinschaft, Hoffnung und künstlerischer Selbstbehauptung. Mit den Kardosch-Sängern prägte István Kardos die deutsche Unterhaltungsmusik der frühen 1930er-Jahre und schuf mit seinen harmonischen Arrangements einen unverwechselbaren Klang. Zugleich zeigt sein Werdegang, wie abrupt politische Ausgrenzung und antisemitische Verfolgung eine vielversprechende künstlerische Laufbahn zerstören konnten.

Anfänge in Debrecen und Budapest

István Kardos, der sich später im deutschen Sprachraum Stephan Kardosch nannte, wurde am 6. Juni 1891 in der Stadt Debrecen (damalige Schreibweise: Debreczen) in der Österreichisch-Ungarischen Doppelmonarchie als Kind jüdischer Eltern geboren. Debrecen ist die zweitgrößte Stadt Ungarns und war im Laufe der Geschichte zweimal kurzfristig der Regierungssitz des Landes: 1849 kam in der dortigen Großen Reformierten Kirche der aus Pest geflohene ungarische Reichstag zusammen und rief die unabhängige ungarische Republik aus. In der Nähe der Stadt fand die entscheidende Schlacht statt, die die Revolution beendete. Am Ende des Zweiten Weltkriegs war Debrecen erneut kurzfristig der Regierungssitz, nachdem die Stadt schon im Oktober 1944 von der sowjetischen Armee besetzt wurde.

Seit 1736 siedelten sich Juden in Debrecen an, durften aber erst seit 1863 Eigentum erwerben. 1867 unterschrieb Kaiser Franz Joseph das Staatsgrundgesetz über die allgemeinen Rechte der Staatsbürger, in dem es heißt: „Vor dem Gesetze sind alle Staatsbürger gleich.“ Damit waren die die österreichischen Juden allen anderen Bürgern gleichgestellt. In Ungarn trat das Gesetz eine Woche später in Kraft. Damit begann die Blütezeit des österreichisch-ungarischen Judentums, die bis zum Ende des Ersten Weltkriegs andauerte.

István Kardos‘ Eltern waren der Rechtsanwalt und Publizist Dr. Samuel (Samu) Kardos (1856 – 1924) und seine Frau Malvine, geborene Engländer (1863 – 1943). Neben ihrem Sohn István hatte das Ehepaar fünf Töchter: Gizella, Margit, Etelka, Piroska und Anna. Samu Kardos veröffentlichte 1905 eine Biografie des berühmten ungarischen Politikers und Reformers Miklós Wesselényi mit dem Titel Báró Wesselényi Miklós, élete és munkái, die im Jahr 2012 neu aufgelegt wurde.

István Kardos‘ Onkel war der bekannte Literaturhistoriker, Sprachwissenschaftler und Pädagoge Albert Kardos (1861 – 1945), der von 1913 bis 1921 Schulleiter am Staatlichen Realgymnasium in Debrecen und nach seiner Pensionierung von 1921 bis 1929 am von ihm gegründeten Jüdischen Gymnasium war, das bis in das Jahr 1944 hinein bestand. Als Pädagoge, aber auch als Herausgeber und Verfasser zahlreicher sprachwissenschaftlicher Werke, genoß Albert Kardos hohes Ansehen.

Der Nachname der Familie lautete ursprünglich „Katz“, wurde aber 1884 im Zuge der Magyarisierung Ungarns zu „Kardos“ geändert: Auf die nicht-ungarisch-stämmigen Teile der Bevölkerung des Königreichs Ungarns wurde Ende des 19. Jahrhunderts mehr oder weniger sanfter Druck ausgeübt, die magyarische Sprache und Nationalität anzunehmen, und es wurden im späten 19. Jahrhundert zahlreiche Orts- und Familiennamen geändert. Man kann aber davon ausgehen, dass die Familie Katz/Kardos sich wie die Mehrzahl der ungarischen Juden aus den oben genannten Gründen bereitwillig magyarisierte. Sein Vater war ein Anhänger der Unabhängigkeits-Partei (ung.: Függetlenségi és Negyvennyolcas Párt, wörtlich: „Unabhängigkeits- und 48er Partei“) die die Unabhängigkeit Ungarns anstrebte.

Die Große Reformierte Kirche in Debrecen

Das Csokonai-Theater

Katholische Kirche und Gymnasium

Blick auf die Reformierte Kirche und die Piac utca, in der Kardos' Elternhaus stand.

In Debrecen besuchte István Kardos das neu errichtete Katholische Gymnasium Szent József in der Szent Anna utca. Eine musikalische Laufbahn war ihm keineswegs in die Wiege gelegt: In seiner Familie spielte die Literatur eine weitaus größere Rolle. Seine Zeugnisse bescheinigen ihm hervorragende Leistungen in allen Fächern – mit Ausnahme des Turnunterrichts. In jedem Jahrgang zählte István Kardos zu den besten Schülern seiner Klasse.

Nach seinem Abitur begann er 1910 sein Studium an der Franz-Liszt-Musikakademie in Budapest, wo er bei Viktor von Herzfeld Komposition und Chordirigieren studierte. Die Musikakademie war seit 1907 im neu errichteten Gebäude am Liszt Ferenc tér untergebracht; ihr damaliger Direktor war Ödön Mihalovich. Neben Herzfeld lehrten dort zu jener Zeit auch Zoltán Kodály, Béla Bartók und Leó Weiner. Parallel zu seinem Musikstudium absolvierte Kardos ein Jurastudium, entschied sich jedoch schließlich für die Musik als seinen beruflichen Weg.

Zeugnis der Musikakademie aus dem Jahr 1913: „Jeles“ (ausgezeichnet) in Komposition, Orchestrierung, Partiturlesen und Dirigieren. Erfreulich auch die Verhaltensnote: „lobenswert“! Mit freundlicher Genehmigung der Franz-Liszt-Musikhochschule in Budapest.

Die Musikakademie um das Jahr 1912 (Ansichtskarte)

…und im September 2021 (Foto: M. Wunsch)

Nach seinem Abschluss im Jahr 1913 arbeitete er zunächst als Musiklehrer. Bereits wenige Wochen nach Erhalt seines Abschlusszeugnisses boten ihm die Eltern des damaligen Geigen-Wunderkindes Ibolyka Gyárfás auf Anregung von Jenő Hubay an, ihre Tochter auf ihrer bevorstehenden Tournee am Klavier zu begleiten. Hubay leitete die Violinabteilung der Musikhochschule und wurde später deren Direktor. Zu seinen Schülern zählten unter anderem die auch in Deutschland bekannten Geiger Barnabás von Géczy, Edith Lorand und Paul Godwin.

In einem Artikel für die Zeitung Népszabadság berichtete Kardos im Februar 1973 von seinen Erlebnissen auf dieser Tournee. Sie begann am 13. Oktober 1913 in Turin und führte die beiden auch nach Venedig. Dort stapften sie, wie Kardos sich erinnerte, durch den Schnee auf dem Lido. Durch einen Zufall begegnete er der Tochter der „Muse“ des ungarischen Dichters und Revolutionshelden von 1848, Sándor Petőfi. Sie war die Großmutter jenes jungen Mädchens, das beim Konzert in Venedig dem Klavierbegleiter des „Wunderkindes“ die Notenblätter umblätterte. Als Kardos in den 1930er-Jahren mit seiner Frau erneut nach Italien reiste, versuchte er, sie wiederzufinden; zu diesem Zeitpunkt lebte jedoch nur noch ihre Enkelin. Mit feinem Humor und großer Anschaulichkeit schildert Kardos die Begegnungen und Ereignisse der Italienreise. Petőfis Gedichte hatten für ihn eine besondere Bedeutung, und im Laufe seines Lebens vertonte er zahlreiche von ihnen.

La Stampa kündigt am 20. Oktober das zweite Konzert von Ibolyka Gyárfás im Teatro Carignano in Turin an. Am Piano: der 22jährige Maestro Stefano Kardos! Quelle: http://www.archiviolastampa.it/

Die Tournee führte Kardos und Ibolyka Gyárfás neben Venedig auch nach Verona, Parma, Genua, Mailand, Turin, Florenz, Rom und Neapel.

Wieder in Budapest, überarbeitet Kardos für eine Aufführung von Georges Bizets‘ „Carmen“ am 21.Februar 1914 die ungarische Übersetzung des Librettos von Kornél Ábrányi, die in dieser Fassung bis 1964 verwendet wird. 1915 werden in Budapest und Debrecen Vertonungen nach Gedichten von Csokonai und Petőfi aufgeführt, 1916 ist er an mindestens einem Wohltätigkeitskonzert für die Patienten eines Spitals beteiligt. Ab 1917 war er am Belvárosi Színház als Dirigent und Korrepetitor angestellt.

Ab dem 4. November 1918 hatte er eine Stellung an der ungarischen Staatsoper als Korrepetitor und Chefbibliothekar inne.

Titelblatt der Csokonai-Lieder, 1916


Ein notwendiger politischer Exkurs

Ungarn im Jahr 1919

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und der Union mit Österreich wurde in Ungarn im November 1918 die Republik ausgerufen. Das Land wurde zunächst von einer sozialistisch-bürgerlichen Regierung geführt, die aber an den Herausforderungen der Nachkriegszeit (soziale und wirtschaftliche Probleme aber auch territoriale Konflikte mit den Nachbarstaaten) scheiterte und von einer sozialdemokratisch-kommunistischen Koalition abgelöst wurde, die im März 1919 die Ungarische Räterepublik ausrief.

Die Folgen

Auch die Räterepublik war nur kurzlebig und brach nach der Besetzung Budapests durch rumänische Truppen während des Ungarisch-Rumänischen Krieges im August 1919 zusammen. In der Folge erlangte Admiral Miklós Horthy die Macht und etablierte eine autoritär-konservative Regierung mit starken anti-semitischen und nationalistischen Elementen. In der darauffolgenden Zeit des konterrevolutionären "Weißen Terrors" wurden zahlreiche Sympathisanten und Unterstützer der Räterepublik inhaftiert oder hingerichtet.


Kardos sympathisierte seit seiner Jugend mit der Arbeiterbewegung; zahlreiche seiner Kompositionen und Gedichtvertonungen aus der Zeit um 1918 spiegeln diese Haltung wider. So vertonte er unter anderem Endre Adys berühmtes Gedicht „Proletár fiú verse“ („Gedicht eines Proletarierburschen“) sowie zahlreiche Werke des bereits erwähnten Dichters und Revolutionärs Sándor Petőfi und des ebenfalls aus Debrecen stammenden Mihály Csokonai Vitéz.

Im November 1918 wirkte er an einem Konzert in einer Kaserne mit, das der Budapester Soldatenrat im Rahmen des Kulturförderungsprogramms der neuen Regierung veranstaltete. Neben Gedichtrezitationen und Liedvorträgen begleitete István Kardos am Klavier und spielte Auszüge aus italienischen und französischen Opern.

Mit dem Ende der Räterepublik erlitt seine Laufbahn einen ersten Einschnitt: Aufgrund seiner politischen Gesinnung wurde er aus seiner Stellung an der Staatsoper entlassen. Auch Albert Kardos verlor seine Position als Direktor des Gymnasiums in Debrecen und wurde vorzeitig in den Ruhestand versetzt. Seine Entlassung im Jahr 1921 stand jedoch vermutlich weniger mit seiner politischen Überzeugung als mit den antisemitischen Strömungen im Ungarn der Zeit nach 1919 in Zusammenhang.

Von 1919 bis 1924 unterrichtete István Kardos anschließend an der privaten Fodor-Musikschule in der Budapester Andrássy út. Die Schule war 1903 von dem Musikpädagogen Ernő Fodor gegründet worden und besteht bis heute als Tóth-Aladár-Musikschule fort.

Neben seiner Überarbeitung des ungarischen Librettos der Oper „Carmen“ besorgte Kardos auch eine aktualisierte ungarische Übersetzung von Verdis „Othello“. Am 8. Juni 1919 kommt die Oper mit der neuen Übersetzung zur Aufführung, und Pesti Napló urteilt: „Die neue Textübersetzung Stefan Kardos‘ schmiegt sich der musikalischen Phrase im ganzen gut an.“ Diese Übersetzung bleibt bis 1990 in Gebrauch.

Zu Beginn der 1920er Jahre trat Kardos häufig als Klavierbegleiter seiner späteren Frau, der Sängerin Olga Váradi, auf. Im April 1920 gaben die beiden ihre Verlobung bekannt. Olga Váradi war als Opern- und Konzertsängerin tätig und gehörte zu dieser Zeit dem Ensemble des Medgyaszay-Theaters an.

Am 28. Januar 1921 gaben die beiden ein Konzert im Pesti Vigadó, dem prächtigen Konzert- und Ballhaus am Donauufer, bei dem sie Werke von Schubert, Brahms, Beethoven und Richard Strauss darboten, aber auch eigene Liedkompositionen von István Kardos. So sah das Programm aus, das wohl exemplarisch für viele ihrer Konzertabende der damaligen Zeit war:

  1. Beethoven, Ludwig van: Sechs Lieder von Gellert, op. 48
  2. Schubert, Franz: An die Musik, op. 88/4, D. 547
  3. Schubert, Franz: Schwanengesang, D. 957: 4. Ständchen
  4. Brahms, Johannes: An ein Veilchen, op. 49/2
  5. Brahms, Johannes: Minnelied, op. 71/5
  6. Kardos István: Die Brunnenschale
  7. Kardos István: A sirató ember dala
  8. Kardos István: Csak azért
  9. Lessner: Ölelve tartlak
  10. Lessner: Léda a kertben
  11. Strauss, Richard: Allerseelen, op. 10/8
  12. Strauss, Richard: Morgen, op. 27/4
  13. Strauss, Richard: Zueignung, op. 10/1

Das „Pesti Vigadó“ bei Nacht. September 2021. Foto M. Wunsch

Am 24.Oktober 1921 dirigierte Ernst von Dohnányi in der Musikakademie ein Konzert des Philharmonischen Orchesters Budapest, bei dem István Kardos‘ erstes Orchesterwerk, „Ünnep“ zu seiner Uraufführung kam. In der Kritik der Zeitung Világ heißt es unter der Überschrift „Zwei ungarische Premieren“ über die Aufführung von Werken des etablierten Komponisten und Musikprofessors Albert Siklós und von István Kardos‘ „Ünnep“:

„Der andere Komponist ist das jüngste Mitglied der Garde. Für Kardos István, ehemaliger Korrepetitor an der Oper und Lehrer an der Fodor-Schule, ist dies das erste orchestrale Musikwerk. Von seinen stimmungsvollen Liedern, die wir bisher gehört haben, wussten wir, dass ihr Autor von ernsthaftem Ehrgeiz und tiefem Denken getrieben war. Sein Orchesterwerk steht noch im Zeichen der Suche und noch nicht im Zeichen seiner selbst. Es gibt auch nicht vollständig seine endgültige Richtung preis, aber es zeigt sicherlich das Talent und das Wissen seines Autors. ‚Ünnep‘ ist der Titel dieses kurzen, farbenfroh instrumentierten Werks, bestehend aus mehreren freien Variationen über ein einziges Thema. Das Publikum war begeistert.“

Pesti Hírlap schreibt:

„Das Philharmonische Orchester bei seinem zweiten Konzert am Montag. Das kongeniale Dirigat von Dohnányi. […] Nach der Ouvertüre spielten sie (aber) auch zwei ungarische Originalkompositionen. Eine davon ist István Kardos‘ pathetische, kompliziert orchestrierte symphonische Fantasie ‚Ünnep‘, die ein düsteres Thema gekonnt variiert.“

Ernst von Dohnányi (1877 -1960) 

Am 29. Oktober 1921 berichtet die deutschsprachige Budapester Tageszeitung Pester Lloyd über die Vergabe der Musikpreise der Franz-Josef-Krönungs-Jubiläumsstiftung (Ferenc József koronázási jubileumi díj) für die Jahre seit 1916 (vermutlich hatten die Preisverleihungen während der Kriegs- und Nachkriegszeit pausiert), und István Kardos erhält den mit jeweils 1600 Kronen dotierten Musikpreis für die Jahre 1916 und 1917. Den Preis für die Jahre 1920 und 1921 erhält ein Komponist namens János Szegheő, für 1918 und 1919 wurde offenbar kein Preis vergeben:

„Die Musikpreise der Krönungs-Jubiläumsstiftung. Die Jury, die über die Verleihung der fälligen Musikpreise der Franz-Josef-Krönungs-Jubiläumsstiftung zu entscheiden hat, hielt heute unter dem Vorsitze des Vizebürgermeisters Dr. Johann Buzáth eine Sitzung, in der die Musikpreise für die Jahre 1916 und 1917 im Betrage von je 1600 Kronen einstimmig dem Komponisten Stefan Kardos und die Musikpreise für die Jahre 1920 und 1921 von je 1600 Kronen ebenfalls einstimmig dem Komponisten Johann Szegheö zuerkannt wurden. Die Preise für 1917 und 1921 werden im Sinne des Beschlusses der Jury den genannten Komponisten nur unter der Bedingung angewiesen werden, wenn die Künstler bis Ende dieses Jahres ‚durch eine selbständige Komposition oder auf andere geeignete Art sich der Auszeichnung würdig erwiesen haben‘“.

Am 20. April 1922 heirateten István Kardos und Olga Váradi. Ihr Name wird häufig auch als „Várady“ geschrieben, in amtlichen Dokumenten erscheint jedoch meist die Schreibweise „Váradi“.

Olga wurde am 23. Oktober 1893 in Ujpest geboren, das heute zu Budapest gehört. Wie ihr Ehemann war sie jüdischer Abstammung. Einer der Trauzeugen war Ernö Fodor, der Gründer der Fodor-Musikschule.

Kardos wohnte zu der Zeit in der Ráday utca 18 im Budapester Bezirk Belváros, seine Braut in der Teréz körút 6, wo sie später gemeinsam lebten und auch privaten Musik- und Gesangsunterricht erteilten.

Olga Váradi (links) auf der Bühne des Kabaretts von Endre Nagy im Jahr 1922.

Olga Váradi auf der Bühne des „Pesti Kabaré“, 1923. Als zweite von links zu sehen ist die Sängerin Irene de Noiret, die später in Deutschland erfolgreich wurde. Sie starb 1984 in München.

Anlässlich des 100. Geburtstags von Sándor Petőfi schrieb der bekannte ungarische Dichter Árpád Tóth einen Einakter über Petőfi, der durch mehrere Lieder von István Kardos musikalisch untermalt wurde. Das Stück mit dem Titel „Petőfi szülei“ („Petőfis Eltern“) wurde vom 29. Dezember 1922 bis zum 20. Januar 1923 im Művész Színpad aufgeführt. Dieses kleine literarische Kabarett befand sich von 1922 bis 1925 in der Csengery út 68; Kardos war dort zu jener Zeit musikalischer Leiter.

(Árpád Tóth hatte das Gymnasium in Debrecen besucht und zu Ehren von Albert Kardos ein Gedicht mit dem Titel „Köszönöm!“ [„Danke!“] verfasst.)

Seit September 1925 lebte das Ehepaar überwiegend in Deutschland, mit Zwischenstationen in der Schweiz. Olga hatte zunächst ein Engagement in Bielefeld, bevor sie im September 1927 als Altistin ans Stadttheater ins schweizerische Bern wechselte. Ihr Mann begleitete sie dorthin und bekam eine Stelle als Dritter Kapellmeister. Im November hatte er die Leitung bei der Aufführung des Singspiels „Ich hab mein Herz in Heidelberg verloren“ von Fred Raymond, Fritz Löhner-Beda und Ernst Neubach (nach deren gleichnamigem Erfolgs-Schlager). Schon im Mai 1925 hatte Kardos bei einer Radioübertragung ein Konzert des neu gegründeten „Lausanne-Palace Jazz-Orchesters“ dirigiert, möglicherweise sein erster Auftritt im Rundfunk. Auch während der Saison in Bern gehörte es zu seinen Aufgaben, Sänger und Sängerinnen des Stadttheaters bei Rundfunkübertragungen zu begleiten. Im deutschen Sprachraum nannte er sich damals „Stephan Kardos“. Erst später, nach der Gründung der Kardosch-Sänger kam die Schreibweise „Kardosch“ in Mode.

Der Bund Bern, 2.5.1927, Schweizer Nationalbibliothek

Der Bund Bern, 20.4.1928, Schweizer Nationalbibliothek

Es liegt nahe anzunehmen, dass die politische Situation in Ungarn, die Anfang der 1920er-Jahre erlassenen antijüdischen Gesetze und die zunehmenden antisemitischen Strömungen zum Entschluss des jungen Ehepaars beitrugen, ihre Heimat zu verlassen. So trat 1920 der sogenannte Numerus Clausus in Kraft, der den Anteil jüdischer Studierender an Hochschulen auf sechs Prozent begrenzte. Zudem war es Juden nahezu unmöglich, im Staatsdienst zu arbeiten. Diese Einschränkungen waren mit ein Grund dafür, dass es in den 1920er-Jahren viele junge ungarische Juden nach Berlin zog – zumal viele von ihnen gut Deutsch sprachen und sich der deutschen Kultur verbunden fühlten.

 

Am 12. November 1928 kam im Berliner Beethovensaal István Kardos‘ Klavierstück „Monologe“ zur Uraufführung: gespielt von Erwin Bodky, Pianist und Professor an der Staatlichen Akademie für Kirchen- und Schulmusik in Berlin. Bodky spielte außerdem laut Programm Werke von Georg Böhm, Johann Christoph Bach, Kaspar Ferdinand Fischer, Johann Sebastian Bach, Ferruccio Busoni, und eben Stefan (sic) Kardos‘ „Monologe“.

Der Bund Bern berichtet am 23. November von einem „schönen Erfolg“ des vormaligen Berner Kapellmeisters:

„Von Stephan Kardos, der letztes Jahr am Stadttheater als dritter Kapellmeister tätig war und Gatte der vorjährigen Altistin unserer Oper, Olga Varady ist, wurde letzthin an einem Klavierabend von Erwin Bodsky (sic) im Beethovensaal in Berlin eine Komposition für Klavier ‚Monologe‘ (Poco lento, Scherzo, Intermezzo, Vorfrühling, Melodie) mit schönem Erfolg uraufgeführt.“

während der Kritiker der Signale für die musikalische Welt die „Erfindungsarmut des Komponisten“ bemängelt, seinen „stürmenden Rhythmus“ jedoch positiv hervorhebt.

Die Five Songs

Im September 1929 übernahm Kardos in Berlin die musikalische Leitung des bekannten und erfolgreichen Abel-Quartetts, das nach dem Ausscheiden seines Gründers Pál Ábel nun als „Five Songs“ auftrat.

Die „Five Songs“, Foto zur Verfügung gestellt von Josef Westner. Hinten: Jenő Vigh und István Kardos, vorne Imre Révész, József Balassa und Rezső Feleki.

Werbung in "Der Ton", Mai 1931. Ausschnitt von Melvin Bredefeld.

Kardos leitete die Five Songs bis zum Mai 1932. Unter seiner Leitung nahm die Gruppe zahlreiche Platten für verschiedene Labels auf und steuerte auch ein Lied für den Film „Es war einmal ein Walzer“ bei („Wo steckst du Mädel mit dem süßen Profil“). Bei der Gruppe die von 1931 bis Mai 1932 auf dem Label „Kristall“ als Abel-Quartett auftaucht, handelt es sich allerdings um eine Neugründung von Pál Abel, die später mit Rudolf Goehr auch als „Melody Gents“ bekannt wurden.

Gründung der Kardosch-Sänger

Ungefähr ab Juni 1932 übernahm István Kardos die musikalische und geschäftliche Leitung seines eigenen Gesangsquartetts: der Kardosch-Sänger. Die Formation wurde in kürzester Zeit für Filmauftritte, Revuen, Rundfunksendungen und zahlreiche Schallplattenaufnahmen engagiert. Dabei kamen Kardos nicht nur wertvolle Kontakte aus seiner Arbeit mit den Five Songs zugute, sondern vor allem die herausragende stimmliche Qualität der engagierten Sänger.

In Verbindung mit seinen virtuosen Arrangements schuf Kardos einen unverwechselbaren, eleganten Ensembleklang. Mit Paul von Nyiri, Zeno Coste und Fritz Angermann standen ihm hochklassige Solisten zur Seite, die mit Witz, Frische und schauspielerischer Routine agierten. Kardos führte die Stimmen meisterhaft: Nyiris sonoren Bass, Costes lyrischen, schwerelosen Tenor und Angermanns vollen Bariton.

Als im Herbst 1933 auch Rudi Schuricke zum Ensemble stieß, erreichte es eine in der deutschsprachigen Vokalmusik jener Zeit fast konkurrenzlose Perfektion.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten verließen viele seiner Kollegen Berlin, darunter auch die Five Songs, die alle jüdischer Herkunft waren. István Kardos jedoch blieb in Berlin, wo das Ehepaar zunächst in der Uhlandstraße 49 lebte. Im Juli 1934 konvertierte er zur Ungarischen Reformierten Kirche, seine Frau vollzog denselben Schritt im Mai 1939, möglicherweise unter dem Eindruck der 1938 und 1939 erlassenen neuen anti-jüdischen Gesetze in Ungarn. Als Ausländer gelang es ihm lange, seine jüdische Herkunft zu verbergen – mit ziemlicher Sicherheit sogar vor seinen Sängerkollegen – aber im Laufe der Jahre 1934 und besonders 1935 mit dem Inkrafttreten der Nürnberger Gesetze, wuchs der Druck auf ihn, einen sogenannten Ariernachweis vorzulegen. Konzertagenturen und Veranstalter verlangten nun einen Mitgliedsausweis der Reichsmusikkammer.

Noch im Dezember 1934 schloss das Konzertbüro Oscar Angerer in Stuttgart einen Vertrag mit „Herrn Kardosch und seinen Herren Sängern“ ab, und wie Kardos später berichtet, weihte er Angerer in sein Geheimnis ein. Zwei damalige Bekannte des Ehepaars erklärten sie hätten die beiden im Herbst 1935 in einem sehr schlechten nervlichen Zustand angetroffen: Kardos hatte Ende Oktober eine polizeiliche Vorladung erhalten und war aufgefordert worden, binnen 30 Tagen einen Nachweis über seine arische Abstammung vorzulegen. Da Kardos als sogenannter getarnter Jude öffentlich künstlerisch tätig gewesen war – die Kardosch-Sänger waren nicht nur auf Konzertbühnen und im Radio zu hören gewesen, sondern auch in Filmen und sogar auf Parteiveranstaltungen aufgetreten – hatte er im Fall einer Enttarnung mit den schlimmsten Folgen zu rechnen. Eine solche Parteiveranstaltung war beispielsweise ein „Kameradschaftsabend“ für die Beamten, Angestellten und Arbeiter der Stadt Karlsruhe im Februar 1935, an dem die Kardosch-Sänger als Teil ihres Engagements mit Willy Reicherts Tournee-Ensemble teilnahmen.

Man kann sich nur vorstellen unter welchem Druck er in den Jahren 1934 und 1935 stand.

Das Ehepaar Kardos lebte mittlerweile – 1934 – in der Nürnberger Straße 3, wärend die Geschäftsadresse der Kardosch-Sänger nun die Joachimsthaler Straße 9 am Kranzler Eck war. (Dort befand sich eine Pension von Eberswald und es lässt sich vermuten, dass dort Räume als Büro angemietet waren, denn in einer Geschäftskorrespondenz taucht eine „Pension Kranzler“ als Adresse auf.)  Zum 1. Oktober 1935 meldete sich das Ehepaar Kardos von der Nürnberger Straße in eben diese Pension von Eberswald um; vermutlich gaben sie ihre Wohnung auf, weil sie bereits ihre Flucht planten.

Nicht nur stand Kardos unter dem Druck, den sogenannten Ariernachweis präsentieren zu müssen, er befürchtete auch, denunziert worden zu sein. 

 

Die Joachimsthaler Straße 9 um das Jahr 1934. Zumindest zeitweise Geschäftsadresse der Kardosch-Sänger und Zwischenstopp von Olga und István Kardos vor ihrer Flucht im November 1935.

Aus der Entschädigungsakte

 

„Im Oktober oder November 1935 bat mich Herr Kardos, sie möglichst sogleich aufzusuchen. Ich fand das Ehepaar in einem sehr schlechten Nervenzustand. Herr Kardos teilte mir mit, dass er zur Polizei vorgeladen war, wo ihm ein Termin von 30 Tagen gegeben wurde, um den arischen Nachweis zu liefern, widrigenfalls er und seine Frau das Reichsgebiet verlassen müssen. Er erwähnte auch, dass er befürchte, dass eine Anzeige gegen ihn erstattet wurde, und dass sie deshalb je eher, noch vor Ablauf der 30-tägigen Frist, aus dem Lande verschwinden müssen. Sie reisten sodann im Geheimen ab und zum Abschied begleitete ich sie zum Bahnhof.“

— Eidesstattliche Erklärung von Hajnal Pataki-Lengyel, Budapest, 29. März 1963

„Im Herbst 1935 teilte er uns sodann sehr aufgeregt mit, dass er vom Polizeipräsidium wegen dem arischen Nachweis vorgeladen wurde und ihm eine Frist von einem Monat gegeben wurde um die arische Abstammung nachzuweisen, widrigenfalls seine Aufenthaltsbewilligung nicht verlängert wird und er das Land verlassen muss. Da er bereits unter ständiger Gefahr seiner Enthüllung lebte und nunmehr auch seine Aufenthaltsbewilligung mangels des Ariernachweises nicht mehr verlängert wurde, musste er das Land verlassen und wir besprachen, dass er und seine Frau, um jedes Aufsehen zu vermeiden, im ganz geheimen abfahren werden.“

— Eidesstattliche Erklärung von Maria Buttula, Budapest, 26. März 1963

Hajnal Pataki-Lengyel lebte seit Mitte der zwanziger Jahre in Berlin und freundete sich dort mit dem im selben Haus wohnenden Ehepaar Kardos an. Später heiratete sie den Architekten und Designer Kálmán Lengyel, und die beiden Ehepaare pflegten in Berlin freundschaftlichen Umgang miteinander. Kálmán Lengyel stammte wie Jenő Vigh und József Balassa von den "Five Songs" aus dem südungarischen Szeged. Er starb im März 1945 im KZ Bergen-Belsen. Maria Buttula war die Witwe des Cellisten László Buttula, der mit István Kardos seit ihrer gemeinsamen Zeit an der Musikhochschule befreundet war.

Man kann davon ausgehen, dass die übrigen Mitglieder der Kardosch-Sänger nicht von seiner jüdischen Abstammung wussten. Seine Flucht zumindest traf sie unerwartet – er selbst berichtet einer Erklärung für die Entschädigungsbehörde in Berlin im Jahr 1956, er habe sie erst später aus Budapest in einem Brief über die Umstände informieren können. Man kann annehmen, dass er ihnen seine Abstammung verheimlicht hatte, um sie im Falle einer Enttarnung zu schützen.

In jedem Fall konnten das Ehepaar nur das Nötigste mitnehmen, Kardos‘ Klavier gehörte nicht dazu. (Bekannte, bei denen er es zurückließ, verkauften es später. Es handelte sich um ein Klavier des Fabrikats „Lehmann“ aus dem Jahr 1932 zum damaligen Preis von 800 RM, möglicherweise hat es ja den 2. Weltkrieg in Berlin überlebt?)

Ende 1935 war das Ehepaar Kardos nach 10 Jahren wieder in Budapest. Schon am 5. November 1935 berichtet die Zeitung 8 Orai Ujság:

„400 Konzerte in zwei Jahren. Nur wenige wissen, dass der Gründer und Leiter des weltberühmten Jazzquartetts Kardosch-Sanger, bekannt aus dem Rundfunk und unzähligen Aufnahmen, der bekannte ungarische Komponist und Dirigent István Kardos ist, der Budapest vor vielen Jahren verlassen hat. Dieses Quartett, das von westeuropäischen Kritikern als das kultivierteste und klangschönste Vokalensemble bezeichnet wird, hat in der westlichen Welt einen wahren Triumphzug angetreten, in zwei Jahren gaben sie fast 400 Konzerte. Kardos hält sich derzeit in Pest auf, von wo aus er weitere Tourneen organisiert.“

Sollte Kardos tatsächlich schon am 5. November in Budapest gewesen sein, würde das bedeuten, dass er bei den beiden letzten Plattenaufnahmen der Kardosch-Sänger am 29.11. nicht mehr dabei war. Die Kardosch-Sänger gaben am 3.11. ein Konzert, was zusammen mit dem Zeitungsbericht nahelegen würde, dass er am 4. November nach Budapest reiste.

Aufgrund seines Erfolgs in Deutschland erhielt Kardos die Möglichkeit, zwei Aufnahmen im Odeon-Studio in der Vörösmarty út zu machen. Er stellte ein Quartett zusammen, das die beiden Titel „Keresek egy jó útitársat“ (aus der damals aktuellen Operette „Budapest-Wien“) und „Barcelonában“ aufnahm. Außerdem wirkte das Quartett in der Budapester Uraufführung von Paul Abrahams Operette „Märchen im Grand Hotel“ im Februar 1936 mit. Offensichtlich hatte Kardos gehofft, in Ungarn an den Erfolg seiner Berliner Kardosch-Sänger anknüpfen zu können, was leider nicht der Fall war. Es blieb bei zwei Plattenaufnahmen. Es gab allerdings bis ins Jahr 1939 immer wieder Auftritte des Quartetts bei Jazz- , und Unterhaltungsveranstaltungen, gelegentlich auch nur als Terzett. 

Von September 1936 bis September 1937 war Kardos Kapellmeister beim Csokonai Theater in Debrecen, danach bis 1939 Aushilfskapellmeister ohne festes Engagement am Magyar Színház sowie am Andrássy Színház in Budapest.

Bereits nach dem Ende der kurzlebigen Räterepublik im Jahr 1919 war vom nachfolgenden Regime unter Reichsverweser Miklós Horthy in Ungarn eine antisemitische Politik verfolgt worden. In den späten zwanziger und frühen dreißiger Jahren kam es zu einer kurzfristigen Phase der Liberalisierung, aber in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre verschärfte sich die Lage der Juden durch neue antisemitische Gesetze in den Jahren 1938-1941 erneut. Ab 1939 war es Kardos unmöglich, eine Anstellung zu finden.

Er unterrichtete nun privat Jazz-Gesang, Klavier und Arrangement.

Anzeige für Unterricht in Jazz-Gesang und Klavier aus 8 Órai Ujság, September 1939

Mit dem Inkrafttreten der neuen anti-jüdischen Gesetze, die die Juden ähnlich wie im Deutschen Reich aus dem öffentlichen Leben gänzlich vertreiben sollten, konnte er allerdings nur noch illegalerweise und im Geheimen Unterricht erteilen. Zu dieser Zeit gab er hauptsächlich Akkordeon-Unterricht und seine Schüler waren größtenteils Arbeiter und Studenten, die die üblichen Preise für Musikunterricht nicht bezahlen konnten.

Am 26. Dezember 1940 konnte er noch bei einer Feier zum 50. Geburtstag der Sozialdemokratischen Partei als Pianist auftreten. Vermutlich Anfang 1941 kam es zu erneuten Plattenaufnahmen, diesmal mit einem Trio als Refrainsänger mit dem Orchester Solymossy Lulu. Vier Titel wurden aufgenommen: „Egyszer talán megérzi“, „Lánc, lánc, eszterlánc“, „Az egész csak egy szívdobogás“ und „Nem igaz hogy szeretem“.

Wer die Sänger der beiden Budapester Vokalgruppen (Kardos-Kvartett und -Trio) waren, ist leider bisher unbekannt.

Eine feste Anstellung oder regelmäßige Einkünfte besaß Kardos zu dieser Zeit nicht.

Im März 1944 wurde Ungarn von deutschen Truppen besetzt und es begann der nun planmäßige Vernichtungsfeldzug gegen die ungarischen Juden. Seit diesem Zeitpunkt war es Kardos endgültig unmöglich, irgendeine Beschäftigung auszuüben. Ab dem 5. April 1944 mussten er und Olga wie alle jüdischen Bürger den gelben Stern tragen. Am 16. Juni erließ der Bürgermeister von Budapest ein Dekret, das alle Budapester Juden verpflichtete, bis Mitternacht am 21. Juni in sogenannte „Sternenhäuser“ zu ziehen, die über die ganze Stadt verteilt und mit einem gelben Stern markiert waren. István und Olga Kardos mussten aus ihrer Wohnung in der Teréz körút 15 in ein solches Haus in der Andrássy út 21 ziehen. Die Budapester Juden wurden in ungefähr 2000 solcher Sternenhäusern einquartiert. Heute erinnert an diesen Häusern größtenteils nichts mehr an ihre Geschichte. Die Juden sollten dort vor der Deportation gesammelt werden, jeder Familie stand ein Raum zur Verfügung.

Andrássy út 21, Fotos M. Wunsch

Ende Oktober 1944 flohen Olga und István Kardos aus dem Sternenhaus – wenige Wochen vor der Errichtung des Budapester Ghettos – und hielten sich den Winter über bis zur Befreiung Budapests im Januar 1945 mit falschen Papieren verborgen. Ihre Rettung verdankten sie einem Netzwerk um einige Verwandte von István Kardos: die Geschwister Sándor, Piroska und Balázs Lengyel, und ihre Mutter Irén Gonda. Sándor und Piroska waren Chemiker und hatten eine Methode zum Fälschen von Ausweispapieren entwickelt, mit der sie zahlreichen Juden das Leben retteten. Alle Beteiligten wurden in den 90er Jahren von der Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechte unter den Völkern“ anerkannt.

Das Schicksal der Familie Kardos

22 Mitglieder der Familie Kardos fielen dem Holocaust zum Opfer, darunter auch István Kardos‘ Mutter Malvina und mindestens eine seiner Schwestern. Der eingangs erwähnte Onkel, Dr. Albert Kardos, wurde nach Österreich deportiert und starb am 9. Januar 1945 mit 83 Jahren in Göstling an der Ybbs. Auch seine Frau wurde deportiert und kam ums Leben. Ihr Sohn Pál, Istvan Kardos‘ Cousin, wie sein Vater Literaturwissenschaftler, Lehrer und Schriftsteller, musste Zwangsarbeit leisten und verlor neben seinen Eltern auch seine Frau Klára und seinen einzigen Sohn Ferenc. Beide wurden in der Nacht vom 12. auf den 13. April 1945 in Göstling ermordet: gegen drei Uhr morgens setzte die SS die Häftlingsbaracken in Brand und feuerte mit Maschinenpistolen und Granatwerfern auf die Eingeschlossenen und die wenigen, die aus den Baracken entkamen. Wie in vielen solcher Fälle wurden auch hier die Schuldigen nach Kriegsende nicht zur Verantwortung gezogen.

In Göstling gibt es eine Gedenkstätte in Form eines Obelisken für die ungarisch-jüdischen Zwangsarbeiter*innen, auf dem auch die Namen der Familie Kardos festgehalten sind.

Von den ungefähr 825 000 ungarischen Juden (einschließlich etwa 60 000 getaufter Juden wie Kardos) fielen ungefähr 565 000 dem Holocaust zum Opfer, die Mehrzahl wurde deportiert und vergast. Schätzungsweise 100 000 mussten Zwangsarbeit leisten (darunter auch die Mitglieder der Five Songs): von ihnen starben etwa 40 000. Die Überlebenschancen der Budapester Juden waren höher als auf dem Land – in Budapest überlebten schätzungsweise 119 000 Juden, davon 25 000 die sich wie das Ehepaar Kardos mit falschen Papieren versteckt hielten

István Kardos hatte Glück und kam mit dem Leben davon, aber nach 10 Jahren, in denen er nur unter großen Schwierigkeiten – wenn überhaupt – seinen Beruf als Lehrer und Dirigent hatte ausüben können, waren seine Existenz und seine Karriere zerstört und seine Familie größtenteils ausgelöscht. Er sah sich zum wiederholten Mal mit der Notwendigkeit konfrontiert, sich eine neue Existenz aufzubauen – nun mit Mitte 50 und als Überlebender des Holocausts.

Im Juli 1945 konnten er und Olga bei einem Kammermusikabend auftreten: zur Aufführung kamen Werke von Bartók und Hindemith, und Olga sang einige Liedkompositionen ihres Mannes, von ihm begleitet.

Nach Kriegsende war er Dirigent am Medgyaszay Theater, und begann, zeitweise fest angestellt, größtenteils freiberuflich, als Pianist für den ungarischen Rundfunk zu arbeiten, wobei es immer wieder zu interessanten Begegnungen kam: so begleitete er 1947 mindestens bei zwei Radiokonzerten den ehemaligen Five Songs-Bariton Rezső Feleki bei Radioauftritten.

Am 28. Januar 1950 begleitete Kardos den ehemaligen Bass der Kardosch-Sänger, Paul von Nyiri, bei einem von dessen zahlreichen Auftritten im ungarischen Rundfunk. Da sie sich kulturell und politisch in ähnlichen Kreisen bewegten, kann man davon ausgehen, dass sie sich gelegentlich begegneten. Anna Jeanette Nyiri wechselte in ihrem Entschädigungsverfahren zum selben Anwalt, der auch István Kardos vertrat, nämlich den Berliner Juristen Dr. Kurt Landsberger, der selbst 1938 wegen seiner jüdischen Abstammung mit einem Berufsverbot belegt worden war.

István Kardos begleitet Paul von Nyiri in einer Radioübertragung. MTVA archivum

Radioprogramm für den 11. November 1947. Foto MTVA Archivum

Seit Februar 1945 war Kardos Mitglied der Sozialdemokratischen Partei, die 1948 in der Magyar Dolgozók Pártja (Partei der ungarischen Werktätigen) aufging. Nach 1945 wurde er Mitglied des Kulturausschusses in der Textilgewerkschaft und war Gründungsmitglied und später Vizepräsident der Gewerkschaft der Musiker. Zu seinen Aktivitäten in Partei und Gewerkschaft gehörten in erster Linie die Durchführung kultureller und musikalischer Veranstaltungen. Ab November 1949 lehrte er als Dozent an der Franz Liszt Hochschule für Musik, eine Position die er 1951 als die Erfüllung einer jahrzehntelangen Sehnsucht bezeichnete.

Olga und István Kardos lebten nach dem Krieg in der damaligen Lenin körút 73 (heute: Teréz körút 19). Das Haus befindet sich direkt an der belebten Kreuzung Oktogon, im Zentrum Budapests. In den 20er Jahren hatte das Ehepaar nur wenige Häuser weiter in der Teréz körút 6 gelebt, und nach ihrer Rückkehr aus Berlin ab 1935 in der Nummer 15.

Teréz körút 19, Oktober 2021, Foto M. Wunsch

Lenin körút 73 in den 50er Jahren (FOTO:FORTEPAN / Budapest Főváros Levéltára, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons)

Im Herbst 1956 fanden sich Olga und István Kardos im Zentrum der Kämpfe zwischen russischen Truppen und ungarischen Aufständischen:

 

Russischer Panzer in der Lenin Körút. Quelle: FOTO:FORTEPAN / Pesti Srác2, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons. Das Haus in dem die Kardos‘ lebten, ist das zweite Gebäude von rechts mit zwei Balkonen im 2. Stock

Zwischen 1952-1963 unterrichtete er neben seiner Tätigkeit an der Musikhochschule an der Theater- und Filmakademie und gab zudem weiterhin privaten Musikunterricht.

1952 veröffentlichte er seine „Harmonika Iskola“ (Harmonika-Schule). Außer an eigenen Kompositionen (Kammermusik, Lieder, Sinfonien, Chorwerke und zahlreiche Gedichtvertonungen) arbeitete er auch an Übertragungen italienischer oder französischer Opern ins Ungarische, und übersetzte Liedtexte, hauptsächlich aus dem Russischen. Er beherrschte mindestens sieben Sprachen.

Ein Bericht über ein Konzert mit einem Querschnitt seiner Kompositionen vom Sommer 1959 betont seine künstlerische Vielseitigkeit, Sensibilität, Kreativität und Experimentierfreudigkeit (erschienen in „Muzsika“ vom 1.8.1959: Kardos István. Szerzői estje, von Zsigmond László). Im Jahr 1962 kam seine Funkoper „Mátyás Diák“ zur Ausstrahlung. Neben seiner Arbeit als Komponist und Dozent veröffentliche er zahlreiche Artikel in Musikzeitschriften.

1971 erhielt er den Verdienstorden Munka Érdemrend in Gold für sein Lebenswerk. Im selben Jahr führte das Budapester MÁV Sinfonieorchester unter Leitung von Miklós Lukács, dem langjährigen Leiter der ungarischen Staatsoper seine Vierte Sinfonie auf.

Ein Lebenslauf den Kardos 1951 für die Musikakademie verfasste, mit Erlaubnis der Franz-Liszt-Hochschule für Musik, Budapest.

Er starb am 25. Dezember 1975 und ist auf dem Friedhof des Budapester Stadtteils Farkasrét begraben. Das Ehepaar Kardos teilt sich die Grabstätte mit der befreundeten Familie des Cellisten László Buttula.

Todesanzeige von Olga Váradi. Quelle: Ungarische Nationalbibliothek

Olga Váradi starb am 4. November 1978 „nach langem Leiden“. Kurz vor seinem Tod hatte ihr Mann per Anzeige eine Krankenschwester zu ihrer Betreuung gesucht.

Das Ehepaar hinterließ keine Kinder. Der bekannte Schriftsteller und Übersetzer Endre Bajomi Lázár und der Architekt László Gábor waren István Kardos‘ Neffen.

Seine Anträge auf Entschädigung bei der bundesdeutschen Regierung in den fünfziger und sechziger Jahren wurden alle abschlägig beschieden.

Nachruf auf István Kardos von seinem Kollegen István Raics, in Muzsika vom 4. Januar 1976


Bei der Erstellung dieser Biografie war mir Máté Hollós eine große Hilfe. Ich bedanke mich herzlich für seine Unterstützung, die Übersetzungen und die Erinnerungen, und nicht zuletzt dafür, dass er sich die Zeit nahm, mich zu István Kardos‘ Grab zu begleiten.

Außerdem danke ich der Franz-Liszt-Hochschule für Musik in Budapest für ihre freundliche und jederzeit entgegenkommende Unterstützung, sowie der Entschädigungsbehörde des Landes Berlin und dem Amtsgericht der Stadt Gernsbach.

Außerdem Dank an Christof Janik von der Bröhan Design Foundation für die Hinweise zu Hajnal Pataki-Lengyel!

Quellen:

 


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